400 Male rund um den Schachen:

Die Brugger Abendrennen sahen schon Olympasieger und Tour de France-Gewinner

Die Brugger Abendrennen, die im Sommer jeden Mittwoch im Schachen stattfindenden Trainingsprüfungen der Radsportler, feiern ein seltenes Jubiläum: Erstmals in der Saison 1967 ausgetragen, findet am Mittwoch, den 7. August, das 400. Rennen statt. Die Brugger Abendrennen sind mehr als „Clubrennen“. Im Brugger Schachen gingen schon fünffache Tour de France-Gewinner und Olympiasieger an den Start.

Initiant der Brugger Abendrennen war im Jahre 1967 der spätere Sporthilfe-Direktor Edwin Rudolf. Mit den Brugger Abendrennen sollten die Rennfahrer aus Brugg und Umgebung unter der Woche eine rennmässige Trainingsgelegenheit erhalten. „Von der Infrastruktur her könnten die Brugger Abendrennen zwar ohne weiteres nationale oder internationale Prüfungen sein. Aber von der ersten Durchführung an haben wir den Charakter von Trainingsrennen beibehalten. Bei uns kann jeder lizenzierte Radsportler und jede lizenzierte Radsportlerin mitfahren. Die Rennen sind reines Training. Startgelder werden keine bezahlt. Einzig die fünf Ersten jeder Kategorie erhalten kleine Barpreise“ umreisst André Keller, der OK-Präsident der Abendrennen, Idee und Zweck der Prüfungen.

Das Konzept scheint sich bewährt zu haben. Denn seit 1967 wurde am Ablauf fast nichts geändert. Mit Einlageprüfungen wird zwar versucht, den Zuschauern Abwechslung zu bieten. „Wir merken allerdings, dass zuviel Abwechslung sowohl die Zuschauer wie auch die Radsportler nur verwirrt und von Starts im Brugger Schachen abhält. Deshalb halten wir am altbewährten Konzept fest. Mehr als 50 Teilnehmer im Hauptrennen und ein zunehmender Zuschaueraufmarsch diesen Sommer zeigen, dass das Ablaufprogramm der ersten Stunde auch heute noch seine Berechtigung hat.“

Auch grosse Namen vermochten den RB Brugg, den Veranstalter der Abendrennen, nicht von seinem Konzept abzubringen. So hoffte der fünffache Tour de Franc-Sieger Bernard Hinault vergeblich auf ein Startgeld. Zwischen zwei Schweizer Kriterien nahm er im Jahre 1976, als er allerdings noch nie de Tour de France gewonnen hatte, am Brugger Abendrennen teil. Mit einer langen Solofahrt liess er sich den Sieg nicht entgehen. „Bernard Hinault wäre eine Woche nach seinem Sieg gerne nochmals in Brugg gefahren. Aber er wollte ein Startgeld von 50 Franken für sich und einen Mannschaftskameraden. Der RB Brugg blieb seiner Devise treu und lehnte die Startgeld-Forderung von Hinault ab. Dies hatte zur Folge, dass der Start von Hinault im Brugger Schachen eine einmalige Sache blieb“ weiss André Keller von dieser wohl einmaligen „Startgeld-Geschichte zu erzählen. Hinault gewann zwischen 1978 und 85 fünfmal die Tour de France und war zu jener Zeitepoche das, was heute Lance Armstrong ist.

Ueber die Tatsache, dass ein späterer fünffacher Tour de France-Sieger zu einem „Dumpingpreis“ von 50 Franken nicht ein zweites Mal zum Start im Schachen zugelassen wurde, schmunzelt man in Brugg heute noch. Vier Jahre später, als der Schweizer Robert Dill-Bundi 1980 in Moskau Olympiasieger in der Verfolgung wurde, wollte man den gleichen Fehler nicht mehr wiederholen und einem Weltstar die kalte Schulter zeigen: Dill-Bundi wurde mit einem Startgeld zum Start im Brugger Schachen gelockt. Dies gab dann allerdings in den eigenen Reihen böses Blut: Der vierfache Profi-Meister Roland Salm, der zwischen 1969 und 81 nicht weniger als 34 Abendrennen gewann und damit vor Viktor Schraner II, Sulz (30 Siege), Ex-Steherweltmeister Max Hürzeler, Gippingen (25 Siege) und dem nach wie vor aktiven Christian Eminger, Basel (24 Siege) die Bestenliste des Brugger Schachens anführt, nahm das Bezahlen eines Startgeldes dem Veranstalter einige Zeit übel. Später versöhnte sich Salm wieder mit seinem Stammverein und trug als Organisator dazu bei, dass es die Brugger Abendrennen auch heute noch gibt.

Die Brugger Abendrennen sind nicht nur für Brugg und Umgebung ein Begriff. Sie haben einen Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. Bernard Hinault ist nicht der einzige Sieger aus dem Ausland. Fahrer aus Deutschland trugen sich regelmässig ins Siegerbuch ein. Da fehlen der Profi Raphael Schweda, im Jahre 1999 Zweiter des Weltcuprennens von Hamburg und heute Teamkollege von Alex Zülle beim Team „Coast“ ebenso wenig wie die Süddeutschen und oftmals für Schweizer Sportgruppen fahrenden Ralf Argast, Sven Epple, Johannes Brendel und Rik Matt. Als letzter deutscher Fahrer war am vergangenen Mittwoch Janusch Laule aus Badisch-Laufenburg in Brugg zum Erfolg gekommen. Mit dem Verschwinden des Eisernen Vorhanges machten auch immer wieder Fahrer aus Osteuropa im Brugger Schachen Station. Der Ukrainer Denis Jablonsky im Jahre 2001 und der Tscheche Michael Kalenda (1995) trugen sich bei dieser Gelegenheit auch ins Siegerbuch ein. Mitte der Neunziger Jahre waren es Fahrer aus Neuseeland, die in der Schweiz „überwinterten“ und auch den Brugger Abendrennen die Aufwartung machten. Mit ihrer Teilnahme gaben sie den Brugger Abendrennen den Hauch der grossen, weiten Welt. Im Siegerbuch haben sich die „Kiwis“ Chris Barnsley (zwei Siege 1996 und 97) und Stefan Rusbach (ein Sieg im Jahre 1999) sowie Mark Brendell, Brendan Hart und Tony Creelman, die alle in der Saison 1994 einmal gewannen, verewigt. Und wenn wir schon bei den englisch sprechenden Rennfahrern sind: Der Engländer Chris Wreghitt, auch Sieger des Quers auf der Zürcher Waid, gewann 1983 ein Brugger Abendrennen und der Amerikaner Bob Roll schwang 1984 im Brugger Schachen obenaus, bevor er nach Italien weiterzog und dort sogar einmal eine Etappe des Giros gewann. Die Brugger Abendrennen waren so gesehen dem Radsport um Zeiten voraus: Lange bevor man in den Profifeldern englisch zu sprechen begann, hatten die in den traditionellen Radsportländern belächelten Rennfahrer aus Uebersee in Brugg bereits Fuss gefasst. Auch der neueste Trend, dass Mountain-Biker immer mehr an Strassenrennen teilnehmen, ist im Brugger Schachen zu beobachten. Während von den Bikern der Australier Codal Evans beim Giro ist und Olympiasieger Miguel Martinez an der Tour de France brillieren, holen sich die Lokalfahrer den Schliff fürs Gelände an den Brugger Abendrennen. Der Fricktaler Philipp Kessler (Wallbach) gewann diesen Sommer als erster Biker ein Abendrennen. Florian Vogel (Kölliken) bereitete sich mit einigen Starts im Brugger Schachen auf die Bike-Höhepunkte vor. Auch dank den rennmässigen Trainings in Brugg holte sich Vogel am letzten Samstag an der schnellen Europameisterschaft in Zürich die Silbermedaille in der Kategorie „U-23“. Heute Mittwochabend geht zwar das 400. Brugger Abendrennen in Szene. Veraltet sind die seit mehr als 35 Jahren durchgeführten Trainingsprüfungen der Radsportler damit allerdings überhaupt noch nicht. Im Gegenteil: Wenn es sie nicht schon seit mehr als drei Jahrzehnten gäbe, müsste man die Brugger Abendrennen erfinden.

(awi)