Am 8. Juni findet das vierte Brugger Abendrennen der laufenden Saison statt. Dieses Rennen ist allerdings mehr als ein normales Abendrennen. Vielmehr ist es die 500. Austragung der nach wie vor beliebten Abendrennen.
Das Jubiläumsrennen hat zwar den ähnlichen Ablauf wie all seine Vorgänger: Um 18 Uhr geht es mit den Schülern los, ihnen folgen um ungefähr 18.30 Uhr die Junioren und Anfänger und kurz nach 19 Uhr wird mit dem Kriterium für die Elite, Amateure und U-23 der Abschluss gemacht.
Trotz des normalen Ablauf-Programms ist das Abendrennen vom 8. Juni etwas Besonderes. Es ist nämlich das 500. Abendrennen im Brugger Schachen. Da anzunehmen ist, dass sich jeder Fahrer gerne ins Siegerbuch dieses Jubiläumsrennens eintragen möchte, ist anzunehmen, dass die Siege in allen Kategorien umstritten und umkämpft sein werden. So wäre es keine Überraschung, wenn sich Christian Eminger besonders anstrengen und den Sieg erzielen möchte. In der Bestenliste der Abendrennen liegt Eminger mit 33 Erfolgen nur einen Sieg hinter dem auf dem ersten Platz stehenden Roland Salm zurück. Es wäre natürlich ein besonderes Ding, wenn Eminger gerade beim Jubiläumsrennen zum Ersten der Bestenliste aufschliessen könnte.
Roland Salm ist im Gegensatz zu Christian Eminger nicht mehr aktiv. Salm fuhr in den Anfangsjahren der Brugger Abendrennen, war zwischen 1974 und 1977 viermal hintereinander Profi-Schweizermeister und holte sich im Brugger Schachen wie erwähnt 34 Siege. Roland Salm dominierte damit die Anfangsjahre der 1967 ins Leben gerufenen Abendrennen.
Roland Salm führt mit 34 Siegen vor Christian Eminger (33 Erfolge), Viktor Schraner (30 Siege) und Max Hürzeler (25 Siege) zwar die Bestenliste an. Aber diese vier Fahrer mit den meisten Siegen war nicht die schnellsten im Brugger Schachen. Das schnellste Rennen wurde in der letzten Saison, nämlich am 11. August 2010, absolviert. Mit einem Stundenmittel von 47,945 km/h trug sich der frühere Sechstage-Profi Christian Weber (Spreitenbach) ins Siegerbuch ein.
Initiant der Abendrennen war Edwin Rudolf, der spätere Direktor der Sporthilfe und Sohn von Theo Rudolf, dem verstorbenen Ehrenpräsidenten des RB Brugg. Die Abendrennen wurden ins Leben gerufen, um den Rennfahrern unter der Woche ein rennmässiges Training zu bieten. Rasch hatten die Brugger Abendrennen bei Fahrern und Zuschauern einen guten Ruf. Bei den Zuschauern deshalb, weil die Brugger Abendrennen das einzige Strassenrennen der Schweiz mit einer gedeckten und festen Tribüne sind. Von dieser Tribüne aus lässt sich der ganze Rundkurs überblicken. Etwas, was man in der heutigen Zeit, wo mancherorts Rennstrecken wegen Überbauungen verloren gegangen oder zumindest für die Zuschauer nicht mehr einsehbar sind, vergebens sucht.
Die Rennfahrer schätzen es, dass es für die Besten zwar etwas, aber nicht viel zu verdienen gibt. Für die ersten fünf jeden Rennens gibt es Barpreise. Während den Rennen gibt es zwischendurch auch einmal einen Prämiensprint. Wer aufmerksam fährt, kann sich das rennmässige Training etwas mit Schweizer Franken aufwerten lassen. Tabu sind im Brugger Schachen Startgelder. Dies musste im Sommer 1976 der Franzose Bernard Hinault erfahren. Als junger Profi fuhr er an zwei Wochenenden in der Schweiz Rennen. Zwischen Siegen bei der Schellenberg-Rundfahrt und dem Kriterium von Wohlen, nahm Hinault am Mittwoch auch am Brugger Abendrennen teil. Mit einem grossen Vorsprung holte er sich den Sieg. Hinault war so begeistert von der Schachen-Ambiance, dass er am drauf folgenden Mittwoch gerne nochmals gestartet wäre. Allerdings wollte er für sich und die ihm begleitenden zwei Mannschaftskollegen aus seinem damaligen Team Gitane-Campagnolo ein kleines Startgeld. Die Brugger blieben ihrer Devise jedoch treu und lehnten die Anfrage von Bernard Hinault ab. Worauf der Franzose nie mehr in Brugg startete, sondern 1978, 79, 81, 82 und 85 fünfmal die Tour de France gewann. Auch wenn es beim einmaligen Auftritt von Bernard Hinault im Brugger Schachen blieb: Die Veranstalter der Abendrennen erwähnen auch heute noch gerne, dass ein späterer Tour de France-Sieger ohne Entschädigung ein Abendrennen fuhr und dieses auch gewonnen hat
In der Geschichte der Brugger Abendrennen wurden die Veranstalter in Sachen Startgeld dann doch noch zweimal schwach. Im Jahre 1980 wurde Robert Dill-Bundi nach seinem Olympiasieg in der Verfolgung in Moskau mit etwas Geld zum Kilometer-Test gelockt. Allerdings vermochte er den von Walter Bäni im Jahre 1976 aufgestellten km-Rekord nicht zu knacken. Dies schaffte erst in der Saison 2010 der für den RB Brugg fahrende David Jansen.
Um in Brugg ein Startgeld zu bekommen, muss man mindestens Olympiasiegerin sein. Die Brugger haben nehmen nicht nur bei Robert Dill-Bundi, sondern auch bei der Engländerin Nicole Cooke, der Olympiasiegerin der Frauen von Peking, vor einer Woche eine Ausnahme gemacht. Von einem Startgeld können wir fast nicht reden. Es stimmt jedoch, dass wir Nicole Cooke etwas an die Reisespesen vergütet haben. Sie kommt aus dem Tessin an unser Rennen und das freut uns immer wieder, gibt Stefan Rauber vom Organisationskomitee zu. Allerdings ist die Entschädigung an Nicole Cooke auch dafür gedacht, dass sie nicht im Rennen der Nachwuchsfahrer, wo die lizenzierten Frauen im Normalfall mitfahren, startet. Aus Trainingszwecken fährt Cooke lieber das Hauptrennen. Das geht etwas weiter und ist mehr umkämpft. Im Kampf gegen die Männer hält Cooke zwar gut mit. Aber Prämien oder Preisgeld kann sie nicht gewinnen. Da würde sie beim Nachwuchs sicherlich mehr verdienen. Wenn sie im Hauptrennen startet, nimmt sie dem Nachwuchs also kein Preisgeld weg. Mit unserem Beitrag an Cooke fördern wir eigentlich den Nachwuchs, begründet Stefan Rauber dies Haltung ganz pragmatisch.
Wie dem auch sei: Das 500. Brugger Abendrennen vom 8. Juni wird mit oder ohne Startgeld, mit oder ohne Olympiasiegerinnen und siegern ein Höhepunkt in der mittlerweile 45jährigen Geschichte der nicht mehr wegzudenkenden Sommer-Veranstaltung im Brugger Schachen werden.
August Widmer
August Widmer